Nidas, Sohn des Archileus

Nidas, Sohn des Archileus

Nidas, Sohn des Archileus

Meine Gelenke schmerzen seit dem Marsch nach Orchomenos letzen Winter. Das ist für mich ungewohnt und ärgerlich. Zeigt es mir doch, daß ich Chronos Tribut zollen muß. Am meisten erzürnt es mich, zu bemerken, wie schwer es mir fällt mit den jungen Rekruten Schritt zu halten. Jedoch gelingt es mir, es ihnen noch nicht zu zeigen. Aber wie lange noch?

Das ist wohl das Los erfahrener Männer. Sie leben in ihrer Erinnerung und sehen die Zukunft unverklärt. Es ist doch noch nicht lange her, daß ich mich dem Aufstand gegen die Besatzungstruppen des König Kleombrotos angeschlossen hatte.

Doch Halt! Bevor ich weiter in der Vergangenheit schwelge muß ich noch die Getreidevorräte und die jüngste Lieferung Lammfleisch prüfen. In jüngster Zeit neigen die Händler dazu die abgesprochenen Liefermengen durch kleinere Körbe zu Gunsten ihres eigenen Profits zu unterlaufen. Die Gier ist eine Grundeigenschaft der Menschen.

Vor zwölf Jahren fühlte auch ich diese Gier. Ich war stolz und gierig nach Ruhm. Ich war mit 24 Jahren schon sechs Jahre in der Stadtwache. Als Gruppenführer fühlte ich mich so stark gleich Herakles. Nicht schlecht für den zweitgeborenen eines Töpfers. Ich kannte jeden Winkel der Stadt und in der Kadmea. Als nun der Moment gekommen war, in welchen ich mich beweisen konnte lernte ich zwei weitere Grundeigenschaften des Menschen kennen. Angst und Feigheit. Der unbesiegbare Kleombrotos stand mit 3.000 seiner Männer vor der Stadt. Es ging wohl um die Kontrolle der florierenden Stadt. Wir konnten 1.500 Männer aufstellen um die hohen Mauern unserer Stadt zu verteidigen. Wir waren bereit. Doch es kam anders!

Die Ratsmitglieder unserer Stadt entschieden das eine Konfrontation aussichtslos wäre und übergaben die Stadt kampflos. Ränkespiele alter Männer, „pah“. Die Stadt des Herakles wurde von Feiglingen regiert und nun verraten.

Der König der Lakedaimonier ging wieder, aber er ließ seine Soldaten in der Stadt. Die Besatzer besetzten die Kadmea und führten ein strenges Regime. Widerstand wurde gebrochen, Pardon wurde nicht gegeben. Es waren disziplinierte straff organisierte Männer. Bei Athene, wir hatten Angst vor ihnen.

Doch aus Angst kann richtig kanalisiert Wut werden und ein Mann schaffte es, in unsere Herde verunsicherter Schafe, das Feuer der Wut zu entzünden. Wir trafen uns heimlich und planten den Aufstand. In diesen Treffen gab er uns Mut und Zuversicht zurück. Doch wie konnten wir die Festung in der Stadt mit den unbesiegbaren Kriegern erobern? Es mußte eine List sein. Einfallsreicher als der listige Odysseus hatte sich unser Anführer einen Plan einfallen lassen. In einer einzigen Nacht mußte sich das Rad zu unseren Gunsten drehen.

Es war Vollmond als wir diejenigen, welche uns verraten hatten, ihrer gerechten Strafe zuführten. In jener Nacht verrammelten wir von außen das Tor der Zitadelle, so daß unsere Feinde nicht hinauskonnten und festsaßen. Die Zisterne in der Festung hatten wir untertags, durch einen uns verbundenen Händler, vergiftet und ihre Vorräte reichlich mit Salz bedacht. Das war ein böses Erwachen für die Lakedaimonier. Sie waren eingesperrt in ihrer eigenen Festung. Wir schlossen einen Ring um die Kadmea und warteten. Es vergingen vier heiße Tage und die Soldaten in der Festung litten Durst. Nichts fürchtet ein Krieger mehr als Hunger und Durst. Nichts schwächt mehr seine Kraft. Am fünften Tag boten wir Ihnen freies Geleit an, wenn sie Kampf und waffenlos abrückten. Doch sie stammten von einem stolzen Volk ab und so stellten sie sich zum Kampf und versuchten einen Ausfall. Sie kämpften wie die Löwen, jedoch ihren entkräfteten Körpern fehlte es an Kraft und so schlugen wir sie nieder. Keine Gefangenen. Ein guter Tag.

Unsere Stadt war wieder frei und unser Anführer Epaminondas übernahm die Macht. Er entschied weise und hatte die Männer an seiner Seite. Jedoch war die Gefahr noch nicht vorrüber. Es war uns allen klar, daß sobald den Lakedaimoniern die Ereignisse bekannt würden, sie auf Rache sinnen würden. So versuchten wir in den nächsten Wochen ein Heer aufzustellen, um unsere Freiheit zu verteidigen.

Auf der Ebene von Leuktra fiel die Entscheidung. Kleombrotos stand mit seinen gefürchteten Kriegern in ihren roten Clamys uns gegenüber. Wir standen in einer tiefen schiefen Phalanx während die Lakedaimonier ihre gefürchtete Schlachtordnung einnahmen. Kurz nach Mittag stießen die Heere aufeinander. Wir fochten mit dem Mut der Verzweiflung und der Gewissheit nur so unsere Freiheit erlangen zu können. Der Tag muß für Ares ein Freudentag gewesen sein. Nach zähen ringen gelang es uns endlich die Oberhand über den Feind zu gewinnen. Wir hatten gesiegt. Die Unbezwingbaren hatten eine Niederlage erlitten. Wir hatten die Freiheit gewonnen.

Das alles ist nun viele Jahre her und ich zog mit meinem Herrn noch in weitere Schlachten. Wir fochten auf dem Festland. Wir fochten auf Inseln all das für unsere Ideale. Mein Herr ist nun schon vier Jahre tot und der Ruhm verblasst. Doch die Freiheit unserer Stadt hat weiterhin Bestand. Ich bin nun der Quartiermeister der Kadmea und kümmere mich um das Wohl meiner Kameraden. Eigentlich sollte ich dieses ruhige Leben genießen. Doch wie jedes Jahr im Sommer spüre ich wieder dieses Verlangen nach Adrenalin und Schweiß und es zieht es mich wieder auf ferne Inseln. Ich packe meinen Helm und meinen Harnisch und trete gemeinsam mit meinen Gefährten für die Ideale, die zu meiner Freiheit geführt haben, ein.